Borderline Störung
Kaum
einer wird auf die Idee kommen sich die Diagnose „Borderline-Störung“ zu
geben. Es ist ein so schwer verständlicher Fachbegriff, dass er in der Regel
nur von Fachleuten: Nervenärzten, Psychotherapeuten benutzt wird. Wenn man
diese Diagnose dann gestellt bekommen hat, ist es auch eher schwierig sich damit
derart zu identifizieren, wie man vielleicht sagt „Ich bin Rheumatiker“ oder
„Ich bin depressiv“.
Aber
ganz sicher fragt man sich, was meint der Arzt damit, und findet dann in einschlägigen
Lexika leider auch eher fachchinesisches wie z. B. die Definition: „Grenzfall
zwischen Psychose und Neurose“.
Der
Begriff Borderline - Fall ist nicht zu einem Wort der Alltagssprache geworden,
wie zum Beispiel der Begriff Neurose oder Schizophrenie und ist doch älter als
eben diese letzteren Begriffe. Er geht zurück auf den Begriff Borderland, wie
er 1884 von Hughes benutzt wurde. Der eigentliche Beginn ist jedoch eher eine
Arbeit von Adolf Stern von 1938 und dann die Arbeiten von Otto Kernberg ab 1967.
Die Entwicklung einer Vorstellung von dem Krankheitsbild „Borderline – Störung“
war in der Vergangenheit ausgesprochen kontrovers und ist nicht abgeschlossen.
Im internationalen Diagnosenschlüssel ICD10 entspricht dem die Bezeichnung
Borderline Typus und ist eine der beiden dort aufgeführten sogenannten
emotional instabilen Persönlichkeitsstörungen. Der Begriff Persönlichkeitsstörung
ist selbst auch wieder so ein nicht unproblematischer Begriff, denn er hat mit
der Vorstellung von Abweichung von einer statistischen Norm zu Tun, einer Größe,
über deren Relevanz sich immer wieder leidenschaftliche Debatten entzünden können.
Als
so stabil in seiner Instabilität wie diese Begriffe, so werden auch die
Menschen, auf die sie angewendet werden, beschrieben. Es sind Menschen mit einer
starken, anhaltenden, emotionalen Instabilität und mit Neigung zu Impulsivität.
Es sind Menschen, die immer wieder inkonstante Beziehung mit vielen Krisen
haben, die ausgeprägte Angst vor dem Verlassenwerden haben und die zu
impulsiven Handlungen, auch häufig zu selbstschädigenden Verhaltensweisen
neigen. Eine Unsicherheit bezüglich der eigenen Identität wird erlebt und
manchmal treten kurzfristig auch wahnhafte Gedanken auf, ohne dass es sich
wirklich um eine Psychose handelt.
Diese
aufgezählten Beschwerden können verstanden werden als Ausdruck und Folge
dessen, wie manche Menschen sich und ihre Welt erleben. Man stellt sich vor,
dass sie ihre Welt eher schwarz – weiß erleben, im Sinne von entweder gut
oder böse, ohne dass sie die Zwischentöne sehen. Das heißt, sie erleben
Mitmenschen als entweder für oder gegen sich eingestellt und sich selbst als
wechselnd bedroht oder sicher - in der Sicherheit abhängig, in der Bedrohtheit
verloren. Dieses Schema hat etwas Gewaltsames an sich und die zu beobachtende
Impulsivität ist ein Versuch diese so erlebte Welt zu gestalten und sich in ihr
zurechtzufinden. Es muss zu innerer und äußerer Instabilität führen, wenn
bedeutsame Bezugsperson mal als gut und lebensnotwendig erlebt werden und ein
anderes Mal als gefährlich, versagend und hasserfüllt wahrgenommen werden.
So
sind die Beziehungen folglich instabil und die Stimmungen sind auch instabil,
natürlich. Die Extreme von Wut, Ärger, Verzweiflung, Angst auf der einen Seite
und Euphorie auf der anderen Seite werden durchlitten. Tiefgreifende emotionale
Krisen, auch mit Selbstschädigungen sind die Folge. Wer ein Übermaß von Wut
und Angst in sich spürt, neigt zu impulsiven Ausbrüchen. Darauf kann ein
radikaler Stimmungswechsel folgen, selbst wiederum mit der Folge starker
Unsicherheit in der Frage „Wer bin ich eigentlich?“. Selbstzweifel und
Idealisierungen lösen sich ab. Idealisiert werden aber auch Bezugspersonen, mit
dem Risiko der Enttäuschung und nachfolgender Entwertung.
Der
/ die Patient(in) erlebt sich so, dass er / sie auf der Suche nach verlässlichem
Schutz und Sicherheit, gewährleistender Bindung ist. Der / die Patient(in)
erlebt andere so, dass sie ihn / sie in unberechenbar zudringlicher Weise oder
durch unvorhersehbares Abwenden schädigen wollen. Beziehungspartner erleben den
/ die Patient(in) so, dass er/ sie sie grundlos angreift, beschuldigt und
kontrollieren will. Beziehungspartner erleben sich so, dass sie sich unterwerfen
und zurückziehen. (Diese letzten Formulierungen stammen aus den Leitlinien zur
Borderline – Persönlichkeitsstörung der Psychotherapeutischen
Fachgesellschaft).
Stichworte
zur Beschreibung dieses komplizierten Krankheitsbildes sind „niedrige
Reizschwelle“, womit gemeint ist, dass evtl. mehrmals täglich selbst kleine
Anlässe sehr schnell zu einem hohen Erregungsniveau führen: „hohes
Anspannungsniveau“ bei wenig differenzierter Wahrnehmung, „Erleben von Überflutung
durch Emotionen“ und ein „Ausgeliefertseins an Unruhe und Spannung“.
Hochemotionale Phasen wechseln mit emotionaler Taubheit, was ebenfalls als äußerst
quälend erlebt wird. Erlebt wird auch eine typische „Angst vor dem
Alleinsein“, „Einsamkeit und Verlassenheit“ und das „Ablehnen des
eigenen Körpers“. Dazu gehört häufig auch das Thema
„Selbstverletzungen“: Ritzen an Armen und Beinen, selbst zufügen von
Schnittverletzungen, Verbrennungen mit Zigaretten oder Bügeleisen, Verbrühungen,
Verätzungen und das sich zufügen von Stichwunden. All das kann bei diesem
Krankheitsbild auftreten und ist dann Ausdruck des Wunsches wieder ruhiger zu
werden. Ein weiteres Stichwort ist Chaos – Chaos außen, z.B. in Beziehungen
und Chaos innen, im Erleben, im Selbsterleben und im sich selbst Chaos
verbreitend erleben.
Nicht
unbedingt zum Krankheitsbild, aber häufig damit einhergehend – der Fachmann
spricht von Komorbidität – sind Drogenmissbrauch, pathologisches
Kaufverhalten, Zwangshandlungen und Störung des Essverhaltens.
Die
Ursachen für diese Erkrankung werden von den Fachleuten unterschiedlich
eingeschätzt. Es gibt viele Therapeuten die heute sagen würden, dass immer
eine sexuelle Traumatisierung in der Vorgeschichte stattgefunden hat, andere
wiederum würden das als Möglichkeit wohl nicht ausschließen, jedoch auch
andere Ursachen, nämlich Konflikte in der Primärfamilie, die zu inneren
Konflikten geworden sind, gelten lassen. Gesichert ist, dass bei einem sehr großen
Teil von Patienten, bei denen eine Borderline – Störung diagnostiziert worden
ist, in der Lebensgeschichte inzestuöse Sexualität, sexualisierte Gewalt und
nichtsexuelle Gewalt und extremen Mangel bewirkende Vernachlässigung gefunden
werden. Diese Patienten kommen außerdem häufig aus Familien, in denen der
Vater fehlte oder der leibliche Vater durch einen Stiefvater ersetzt war.
Schwierige Verhältnisse in der Herkunftsfamilie führen jedoch ebenso wenig wie
traumatische Erlebnisse in der Kindheit zwangsläufig zu einer Borderline –
Persönlichkeitsstörung. Es scheint sich bei der Borderline – Persönlichkeitsstörung
um einen Kreuzungspunkt unterschiedlichster Entwicklungswege zu handeln.
Das
ganze Spektrum der psychotherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten von
ambulanter Therapie bis stationärer Therapie, einschließlich tagesklinischer
und nachtklinischer Behandlung ist bei Borderline-Fällen angezeigt und hat in
einer langen Psychotherapie jeweils seinen bestimmten Ort und seine Zeit.
Zur
Frage, ob verhaltenstherapeutisch oder psychodynamisch vorgegangen werden soll,
muss gesagt werden, es ist nicht belegt, dass eine von beiden Verfahren in
diesen Fällen eine bessere Wirksamkeit hat.
Verhaltenstherapeutisch
oder psychodynamisch orientierte Therapeuten sind sich in einigen
Grundprinzipien der Behandlung von Borderline-Fällen einig. Die besondere
Beziehungsdynamik bewirkt, dass die therapeutische Beziehung schwierig und stets
gefährdet ist. Immer wird droht in solchen Behandlungen der Behandlungsabbruch.
Die Therapeuten bemühen sich einen solchen Behandlungsabbruch zu vermeiden.
Schon das ist ein Behandlungserfolg, denn er ermöglicht dem Patienten eine
positive emotionale, korrigierende Erfahrung zu machen. Der Therapeut bemüht
sich deshalb, sich rasch auf aktuelle und wechselnde Befindlichkeiten seines
Patienten einzustellen und nimmt damit eine eher haltende als eine spiegelnde
Funktion ein. Der Therapeut ist in diesen Behandlungen mehr als Person präsent,
authentischer in seinen Antworten, weniger abwartend und passiv. Ein
Fachausdruck dafür ist selektiv-expressiv-authentisch in der Antwort sein. Das
bedeutet für den Patienten, dass sein Therapeut greifbar ist. Wie auch in
anderen Therapien muss besonders hier das Setting klar strukturiert sein und
insbesondere dem Patienten transparent sein. Die klare Strukturierung ist ein
Gegengewicht gegen ein inneres Chaos und die Tendenz zum Chaotisieren.
Bei
einer traumatischen Äthiologie der Borderline – Persönlichkeits
störung ist an eine
spezifische Traumatherapie zu denken, bei komorbider Depressivität ist an eine
evtl. auch medikamentöse Behandlung der Depression. Auf Substanzmissbrauch muss
geachtet werden und evtl. behandelt werden.
Das
sind sowohl für den Therapeuten als auch für den Patienten, dessen natürlich
auch vorhandene erwachsene und verantwortlich handelnde Seite wir ansprechen,
schwierige Aufgaben.
Mit
diesen Aufgaben ist der Borderline – Patient in der psychosomatischen Reha –
Klinik an der richtigen Adresse. Hier kann der Patient eventuell erstmals, für
eine zunächst erst einmal sehr begrenzte Zeit und eben wegen dieser Begrenzung
eben auch gut durchhaltbare, im doppelten Sinne haltende therapeutische
Beziehung eingehen. Er bekommt ein für ihn durchsichtiges Behandlungsprogramm
und findet ein offenes Ohr für die Schwierigkeiten, die es machen kann, sich in
einer solchen Struktur mit festen Terminen und Absprachen – quasi wie im
richtigen Leben - einzufügen.
Eben
dieses Gleichgewicht zwischen sich einfügen und Flexibilität der Intuition
kann hier ausgiebig Thema sein. Thema wird auch in der Regel die weitere, über
den stationären Rahmen hinaus gehende Therapieplanung sein, unter Berücksichtigung
der Nützlichkeit von Tagesklinik, Nachtklinik, ambulanter Therapie, Übergangswohneinrichtung
etc.
In
Rehabilitationskliniken wie der Klinik am Homberg wird versucht, die eben
skizzierten Behandlungsleitlinien zu realisieren. Die Behandlung erfolgt in Form von Einzel- und Gruppentherapie, kombiniert mit kreativtherapeutischen Verfahren wie Musiktherapie, Mal- und Gestaltungstherapie oder Bewegungstherapie. Nicht selten sind Patienten mit einer Borderline – Störung ausgesprochen kreative Menschen. Da sind Ressourcen, die wir anregen, zu nutzen. H. Luchmann
Zur Klärung weiterer medizinischer Fragen und Behandlungs- bzw. Therapiemöglichkeiten steht Ihnen unsere Chefärztin im persönlichen Gespräch gerne zur Verfügung. Bitte vereinbaren Sie zuvor einen Termin in unserer Privatambulanz.
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