Persönlichkeitsstörungen
Eine der Schwierigkeiten der Klassifizierungssysteme stellt die Erfassung und Zuordnung der Persönlichkeitsstörungen dar. Normaleigenschaften und krankhafte Abweichungen liegen auf einem Kontinuum und können Menschen ein Leben lang in einem typischen und stabilen Bild erscheinen lassen. Darüber hinaus können aber Persönlichkeitsvarianten den Hintergrund für tiefere, psychische, psychosomatische, ja psychotische Entwicklungen im Sinne von Krankheiten bilden. In diesem Sinne kann ein Persönlichkeitsbild u. U. die „latente“ Vorstufe einer Erkrankung bilden. „Abnorme“ Persönlichkeiten können in typischen oder in belastenden Lebenssituationen abnorm reagieren. Sie bewältigen ihre Probleme mit von der „Norm“ abweichenden Erlebens- und Verhaltensmustern. Es gibt gleichsam dauerhaft gefestigte Persönlichkeitsstörungen von Krankheitswert – diese nannte man früher z. P. Psychopathen oder abnorme Persönlichkeiten, heute nennt man es Persönlichkeitsstörungen. Man bezeichnet die typischen Verhaltensmuster auch „Stile“, damit ist der „Normalbereich“ gemeint. Es gibt sowohl in Fachliteratur, als auch in der allgemeinen Literatur (Alltagspsychologie und naive Persönlichkeitstheorien) und in den Nachbarwissenschaften zahlreiche Beispiele, wie man menschliche „Charaktere“ zu beschreiben oder zu typologisieren versucht. Als ein Beispiel sei hier die Einteilung nach Hippokrates erwähnt, der die Grundtypen sanquinisch, melancholisch, cholerisch und phlegmatisch beschrieben hat. Ausdrücklich als Normalvarianten können aus einer altbewährten Einteilung aus der Tiefenpsychologie folgende Charaktertypen gesehen werden (Charakter ist in dieser Terminologie nicht normativ zu verstehen), u. U. jedoch bilden diese Strukturen die Grundlage bei entsprechenden „Auslösern“ für eine psychische Dekompensation mit Symptombildung:
Die Einteilung der Persönlichkeitsstörungen (nach ICD-10, also dem heute anzuwendenden Kategorisierungssystem der Diagnosen): Paranoide Persönlichkeitsstörungen F60.0
Schizoide Persönlichkeitsstörungen F60.1
Dissoziale Persönlichkeitsstörungen F60.2
Histrionische Persönlichkeitsstörungen F60.4
Anankastische (Zwanghafte) Persönlichkeitsstörungen F60.5
Ängstliche (Vermeidende) Persönlichkeitsstörungen F60.6
Abhängige Persönlichkeitsstörungen F60.7
Narzisstische Persönlichkeitsstörungen F60.8
Es gab viele Versuche, eine sog. „psychosomatische Persönlichkeitsstruktur“ zu definieren. Einerseits meinte man feststellen zu können, dass zu den einzelnen psychosomatischen Störungen eine spezielle intrapsychische Konfliktkonstellation bzw. deren Lösungsmuster gehört - von diesem Konzept ist man wieder weitgehend weggekommen. Ein weiteres Konzept besagt, psychosomatisch Kranke seien in besonderem Maße „Gefühlsalphabeten“, sie hätten große Probleme im Umgang mit Gefühlen (Alexithymie); auch dieses Konzept hielt der kritischen Überprüfung nicht voll stand. Das Problem „Pyschosomatik“ wird unten weiter erörtert. Wegen der besonderen Bedeutung sei noch der Themenbereich „Narzissmus“ angesprochen. Es gibt einerseits die „narzisstische Persönlichkeit“ als pathologische Persönlichkeitsvariante. Andererseits stellt das Thema ein umfassendes menschliches Problem dar, das mit den Begriffen „Selbstwertgefühl“, „Selbstwahrnehmung“, „Selbstgefühl“, „Identität“ erfasst werden kann. Mit der Thematik befasst sich umfassend und kulturkritisch der US-Amerikaner Chr. Lasch (1980). Die Bezeichnung „ Persönlichkeitsstörungen “ ist mit negativen Konnotationen behaftet, die Vergabe dieser Diagnose bedarf deswegen der besonderen sorgfältigen Überlegung und Verantwortung. So könnten besonders „markante“ Persönlichkeiten unter diese Bezeichnung fallen, ohne sozial krankhaft-auffällig zu sein. Man spricht auch über persönliche, oder auch über neurotische „Stile“. Klinisch auffällig-krankhaft sind Persönlichkeitsabweichungen, d.h. die Vergabe der Diagnose ist berechtigt, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind, wie es die Tabelle von Fiedler (2001) zusammenfasst: Zwingend zu beachtende Voraussetzungen zur Vergabe einer Diagnose „Persönlichkeitsstörung“ (Zusammenfassung zentraler Richtlinien gem. DSM-IV bzw. ICD-10) · Persönlichkeitsstörungs-Diagnosen dürfen nur vergeben werden, wenn die betreffende Person selbst unter ihrer Persönlichkeit leidet, und/oder · Persönlichkeitsstörungs-Diagnosen dürfen nur vergeben werden, wenn sie das Risiko der Entwicklung oder Exazerbation einer psychischen Störung (z. B. affektive Störung, Suizidalität, Dissoziationsneigung) beinhalten oder eindeutig mit diesen in einem Zusammenhang stehen (therapiebedeutsame Aufklärungspflicht gegenüber dem Patienten!), und/oder · Persönlichkeitsstörungs-Diagnosen dürfen nur vergeben werden, wenn die Betroffenen wegen ihrer Persönlichkeitseigenarten z. B. auf Grund eines erheblich beschränkten psychosozialen Funktionsniveaus ihre existentiellen Verpflichtungen nicht mehr erfüllen, was zumeist heißt, dass sie mit Ethik, Recht oder Gesetz in Konflikt geraten sind. In diesem Fall brauchen die Patienten selbst die Angemessenheit der Diagnosevergabe nicht zwingend zu teilen Therapie bei den PersönlichkeitsstörungenDie Fachliteratur bzw. die Erfahrungen hier kurz wiederzugeben ist sehr schwer, die Gefahr von Missverständnissen ist dabei groß. Einerseits kann man feststellen, dass psychische Symptome, die in diesem Zusammenhang entstehen, (z.B. Angst oder Depression) durch Psychotherapie oder mit Pharmakotherapie relativ gut behandelbar sind. Problematischer ist es, wenn es darüber hinaus um die Persönlichkeitszüge, um Verhaltensweisen, aber auch um Sucht geht. Psychische Arbeitsweisen, Erlebnismuster, fest verankerte Persönlichkeitseigenschaften bzw. Verhaltensweisen durch Therapie zu verändern, bedarf es einer sehr langwierigen Therapie. Der Mensch muss dabei die Einsicht zu einer Veränderungsnotwendigkeit haben und die Fähigkeit hierzu besitzen. Gerade auch die kritischen Verhaltens- und Erlebnisweisen werden von den betroffenen Menschen mit hohem Evidenzgrad, mit Natürlichkeit, mit großer „Ichhaftigkeit“ erlebt, oft begleitet von schlecht steuerbarer Dranghaftigkeit, ohne Einsichtsfähigkeit, daher ohne Motivation zu einer Veränderung. Die negativen realen, äußeren Folgen können jedoch so schwerwiegend sein, dass der Mensch langsam „der Not gehorchend“ und unter Druck gewisse Veränderungen durchzumachen vermag. Das ist die Folge dessen, dass die Mitmenschen unter den Verhaltensweisen des persönlichkeitsgestörten Menschen in der Regel stark leiden. Es kann jedoch auch sein, dass z.B. in Paarbeziehungen oder in anderen sozialen Bezügen die Auffälligkeiten toleriert, kompensiert, aufgefangen werden. Die stationäre Psychotherapie, insbesondere die Gruppenpsychotherapie bietet einen günstigen Rahmen dazu, diese problematischen Verhaltensweisen kritisch und selbstkritisch, ohne großen äußeren „Realitätsdruck“ (z.B. wie in der Paarbeziehung oder am Arbeitsplatz), wahrzunehmen, zu akzeptieren und Veränderungsstrategien zu erarbeiten. Literatur:
1.) Persönlichkeitsstörungen – Leitlinien und
Quellentext, Tress, W.; Wöller, W.; Hartkamp, N., Langenbach, M.; Ott, J.;
- Schottauer – Verlag 2002
Dr. med. A. Harrach
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